DÜW-Journal - page 23

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Heldinnen der Krise im Landkreis
Frauen in systemrelevanten Berufen berichten von ihren Erfahrungen in Zeiten der Pandemie
Über 70 Prozent der sogenannten „systemrelevanten Berufe“ werden von Frauen ausgeübt. In der Hochphase der Corona-Krise standen vor allem diese
Frauen im Fokus: Kassiererinnen im Supermarkt, Pflegerinnen im Altenheim, Krankenschwestern im Krankenhaus. „Corona zeigt uns deutlich, wie viel
diese Frauen leisten und dass die Gesellschaft dies oft nicht zu schätzen weiß“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, Christina Koterba-Gö-
bel. Sie dankt den „Heldinnen der Krise“ aus dem Landkreis Bad Dürkheim. Neun der Frauen, mit denen sie gesprochen hat, erzählen hier exemplarisch
von ihrer Arbeit.
Behiye Menge aus Deidesheim, Arzt-
helferin Notambulanz Kinderklinik
St. Annastift in Ludwigshafen
Ich lerne in meinem Beruf nie aus und
habe viel Kontakt zu unterschiedlichen
Menschen. Das mag ich! Die Wochen-
enddienste sind nicht so angenehm.
Oft sind die wartenden Eltern unge-
duldig und wenig dankbar, obwohl
wir hier unter Zeitdruck alles versu-
chen, um jedem gerecht zu werden.
Nach „Corona“ freue ich mich auf ein
Arbeiten ohne Mundschutz, damit ich
die Menschen wieder lächeln sehe.
Hildegard Diehl, Reinigungsfachkraft
/Objektleitung Reinigungsdienst im
Kreiskrankenhaus Grünstadt
Ich mag meine Arbeit, weil ich sehr
viel persönlichen Kontakt im Kranken-
haus habe und das Ergebnis meiner
Arbeit immer gleich sichtbar ist. Unse-
re Arbeit wird im Krankenhaus sehr
wertgeschätzt und positiv beurteilt.
Den Zeitdruck mag ich nicht so ger-
ne, außerdem müssten die Arbeitszei-
ten flexibler sein. Wir werden hier gut
bezahlt, aber in der Reinigungsbran-
che ist die Entlohnung leider oftmals
sehr gering. Nach „Corona“ freue ich
mich sehr darauf, meinen Sohn wie-
der zu sehen, der normalerweise alle
14 Tage am Wochenende zu Besuch
ist.
Petra Heinrich aus Carlsberg, Kran-
kenschwester/Dipl.-Pflegewirtin Azu-
rit Seniorenzentrum Grünstadt
Ich mag meine Tätigkeit, weil sie so
abwechslungsreich ist, kein Tag ist wie
der andere. Ich darf hier anderen hel-
fen, aber auch anderen Menschen et-
was Wertvolles beibringen und hier
gemeinsame Ziele verfolgen. Leider ist
in der Gesellschaft die Krankenschwes-
ter oft höher angesehen als die Alten-
pflegerin, obwohl wir viele gleiche Tä-
tigkeiten ausüben und das ohne die
Struktur eines Krankenhauses. Oft müs-
sen wir alleine handeln und verant-
wortungsvolle Entscheidungen treffen.
Mehr Wertschätzung für unseren Be-
ruf wäre daher schön. Nach „Corona“
feiern wir den 90. Geburtstag meiner
Schwiegermutter nach, darauf freue ich
mich sehr und auch auf eine hoffent-
lich wieder eintretende „Normalität“.
Luca Müller aus Weisenheim amBerg
und Johanna Klug aus Bockenheim,
Erzieherinnen imGemeinschaftskin-
dergarten Leistadt
Wir mögen besonders, dass wir sofort
von unseren Kindern ein Feedback zu
unserer Arbeit kriegen, ehrlich und au-
thentisch. Wir können unsere Kreati-
vität mit den Kindern ausleben und ei-
gene Ideen umsetzen. Uns ist ein lie-
bevoller Umgang wichtig, Distanz zu
halten ist daher in diesen Zeiten sehr
schwierig. Wir wünschen uns mehr
Verständnis für unsere Tätigkeit, oft-
mals werden viel zu viele Erwartun-
gen an uns gestellt, eine Kita ist aber
kein Dienstleistungsunternehmen und
Kinder keine Maschinen. Die Ausbil-
dung für Erzieherinnen geht sehr lan-
ge, sie dauert fünf Jahre und davon
sind vier Jahre unbezahlt. Das finden
wir nicht gerecht und wenig motivie-
rend. Zudem sind wir in unserer Ur-
laubsplanung wenig flexibel, weil wir
an die Schließzeiten gebunden sind.
Nach „Corona“ freuen wir uns auf die
erste Schorle auf dem Weinfest (Johan-
na) und auf schöne Reisen mit meinen
Hunden und hoffentlich wieder mehr
Sorglosigkeit im Alltag (Luca).
Sarah Ohlinger, Gesundheits- und
Krankenpflegerin im Caritas Alten-
zentrum in Deidesheim
Ich liebe meine Arbeit, weil ich oft
sehe, wie ich Menschen mit kleinen
Dingen erfreuen kann. Im Altenzent-
rum kann ich oft eine vertrauensvolle
und lange Beziehung zu den Menschen
herstellen. Dass ich nicht immer die
Zeit für alle unsere Bewohnerinnen
und Bewohner habe, finde ich nicht
so schön. Ich wünsche mir mehr An-
erkennung für unseren Beruf, auch
nach der Krise. Nach „Corona“ freue
ich mich am meisten auf die Weinfes-
te in der schönen Pfalz.
Prestin Savou, Haßloch, Kauffrau im
Einzelhandel bei Edeka Stiegler
Ich mag den täglichen Kontakt mit
Menschen, ein Bürojob wäre nichts für
mich. Hier bin ich Teil eines tollen
Teams und habe viel Abwechslung.
Die Arbeitszeiten amWochenende mag
ich nicht so gerne. Nach „Corona“ freue
ich mich auf meine erste Fernreise, die
ich schon lange geplant habe, aber auf-
grund der Covid-Situation nicht durch-
führen konnte. Dann geht es für mich
nach Thailand, und ich bin schon jetzt
aufgeregt.
Elke Jungel und Petra Groß, Lehr-
kräfte in der Sigmund-Crämer-Schu-
le (Lebenshilfe Bad Dürkheim)
Wir mögen an unserer Arbeit, dass sie
abwechslungsreich, vielfältig und sehr
anspruchsvoll ist. Unsere Kinder sind
sehr individuell, und das macht es sehr
spannend. Zudem haben wir ein en-
ges Vertrauensverhältnis zu den Kin-
dern. Leider haben wir viel Zeitauf-
wand für Organisatorisches und viele
Termine mit externen Stellen. Dazu
werden unsere Arbeit und auch über-
haupt die Arbeit mit beeinträchtigten
Menschen in der Gesellschaft oft nicht
so anerkannt, wie es diese Arbeit ver-
dient hätte. Gerade in diesen Zeiten ist
unsere Arbeit besonders schwer, weil
unsere Kinder zum Lernen auch Nähe
und Zuwendung brauchen. Nach „Co-
rona“ freuen wir uns darauf, endlich
wieder Hände schütteln zu dürfen und
Menschen zu umarmen (Elke Jungel)
und mit meinen Freunden zusammen
zu sein und meine Hochzeit zu feiern
(Petra Groß).
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Christina Koterba-Göbel
Arzthelferin: Behiye Menge.
Reinigungsfachkraft: Hildegard Diehl.
Pflegedienstleitung: Petra Heinrich.
Altenpflegerin: Sarah Ohlinger.
Verkäuferin: Prestin Savou.
Erzieherinnen: Luca Müller und Johanna Klug.
Fotos: Christina Koterba-Göbel
Lehrerinnen: Elke Jungel und Petra Groß.
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