DÜW-Journal - page 19

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Eigenständigkeit für alle
Barrierefrei mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs
Wer mit dem Rollstuhl, dem Kinderwagen oder dem Rollator unterwegs ist, kommt in Bus und Bahn manchmal an seine Grenzen. An einer Stelle ist eine
Lücke zwischen Bordstein und Bus, an einer anderen ist der Gehweg so schmal, dass man nicht einmal zur Haltestelle kommt. Der Verkehrsverbund
Rhein-Neckar (VRN) und der Landkreis Bad Dürkheim haben sich darum zum Ziel gesetzt, den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) barrierefrei zu
gestalten. Und bei Barrierefreiheit geht es nicht nur um gehbehinderte Personen: Das Konzept ist viel umfassender. Also, was bedeutet das überhaupt,
„barrierefrei“? Wer braucht die Barrierefreiheit und wer ist dafür verantwortlich, den öffentlichen Verkehr barrierefrei zu gestalten? Und warum profitieren
alle Fahrgäste von diesen Verbesserungen?
Warum Barrierefreiheit?
Der ÖPNV zählt zur Grundversorgung:
Alle Einwohnerinnen und Einwohner
sollen ihn nutzen können. Es ist sogar
gesetzlich verankert, dass der jeweili-
ge Aufgabenträger dies sicherstellen
muss. Für den öffentlichen Verkehr auf
der Straße ist das der Landkreis Bad
Dürkheim, für den schienengebunde-
nen Verkehr der Zweckverband Schie-
nenpersonennahverkehr Rhein-
land-Pfalz Süd (ZSPNV Süd) mit Sitz in
Kaiserslautern. Die Landkreise definie-
ren ihr jeweiliges Verkehrsangebot in
einem Nahverkehrsplan, in welchem
die Belange von mobilitätseinge-
schränkten Menschen berücksichtigt
werden.
Wer braucht Barrierefreiheit?
Unter „mobilitätseingeschränkt“ wur-
den und werden teilweise auch heute
noch zumeist gehbehinderte und roll-
stuhlfahrende Personen verstanden.
Die Barrierefreiheit im ÖPNV geht je-
doch von einem umfassenderen Be-
griff der Mobilitätseinschränkung aus.
Dieser beinhaltet grundsätzlich alle mit
eingeschränkter Mobilität, somit auch
Senioren, sehbehinderte und blinde
Menschen, gehörlose Personen, greif-
behinderte Personen oder Personen
mit Konzentrations- und Orientierungs-
beeinträchtigung, aber zum Beispiel
auch Personen mit Kinderwagen. Alle
sollen den ÖPNV möglichst ohne Ein-
schränkungen nutzen können: eigen-
ständig, selbstbestimmt, unabhängig
und sicher. Dazu zählt, dass der Fahr-
plan abgerufen werden kann, der Weg
zur Haltestelle gut möglich ist oder die
Fahrzeuge einfach betreten werden
können – eben alles, was rund ums
Bus- und Zugfahren wichtig ist, muss
für jeden machbar sein. Wichtig ist
hierbei das Zusammenspiel von bau-
licher Infrastruktur, Fahrzeugen, Infor-
mation und Kommunikation sowie Be-
trieb und Dienstleistung.
Welche Ziele werden verfolgt?
Der Landkreis Bad Dürkheim hat sich
im neuen Nahverkehrsplan das Ziel ge-
setzt, den Schienenpersonennahver-
kehr (SPNV) und den ÖPNV barriere-
frei zugänglich und nutzbar zu ma-
chen. Der Kreis möchte langfristig ei-
nen „vollständig barrierefreien ÖPNV“
schaffen. Ein erster Schritt: Bis 2022
soll in jedem Ort mit mehr als 300 Ein-
wohnern grundsätzlich mindestens
eine Haltestelle barrierefrei umgebaut
werden.
Wer kümmert sich um die Umsetzung
der Ziele?
Die einzelnen Elemente einer barrie-
refreien Transportkette fallen in unter-
schiedliche Zuständigkeitsbereiche. Für
die Fahrzeuge sowie die Information
der Fahrgäste sind zumeist die Ver-
kehrsunternehmen beziehungsweise
der Verkehrsverbund Rhein-Neckar
(VRN) zuständig. Für die Infrastruk-
tur, also etwa die Haltestellen, sowie
deren Betrieb und Unterhaltung sind
es in der Regel die Kommunen als Stra-
ßenbaulastträger, also die Ortsgemein-
den und Städte im Landkreis. Alle Fä-
den laufen bei dem jeweiligen Land-
kreis oder der kreisfreien Stadt als Auf-
gabenträger zusammen.
Im Landkreis Bad Dürkheim werden
größtenteils Niederflurfahrzeuge ein-
gesetzt, die ohne Stufen betreten wer-
den können. Mit dem sogenannten
„Kneeling“ (deutsch: Hinknien) kann
der Bus um sieben bis neun Zentime-
ter an der Haltestelle abgesenkt wer-
den – für die komplette Barrierefrei-
heit braucht es aber noch einen hohen
Bordstein zwischen 18 und 24 Zenti-
meter, damit man ohne Hürde ein- und
aussteigen kann. Ergänzend kommen
kleine Rampen zum Einsatz, die per
Hand an der Bustür ausgeklappt wer-
den können. Das hilft vor allem Roll-
stuhlfahrern, barrierefrei in den Bus
zu kommen. Lediglich auf Regional-
buslinien, die nur im Schülerverkehr
fahren, gibt es nur wenige Niederflur-
fahrzeuge.
Damit eine an sich barrierefreie Halte-
stelle nicht zur „Insel“ wird, muss sie
auch ausreichend barrierefrei zugäng-
lich sein, etwa durch abgesenkte Bord-
steine. Dies ist bereits bei etwa 75 Pro-
zent der Bushaltestellen im Landkreis
der Fall. Allerdings fehlt es vielerorts
noch an Überquerungsmöglichkeiten
wie Fußgängerampeln oder -überwe-
ge. Denn: Mit dem Anspruch an bar-
rierefreie Haltestellen muss auch der
Weg zur Haltestelle barrierefrei ausge-
baut werden.
Wer unterstützt die Kommunen bei der
Umsetzung?
Es ist eine große finanzielle und per-
sonelle Herausforderung für die Kom-
munen, die Haltestellen barrierefrei
umzubauen. Um die Kommunen auf
ihrem Weg hin zu einer barrierefreien
Infrastruktur zu unterstützen, gibt es
Fördermöglichkeiten des Landes Rhein-
land-Pfalz: Zuschüsse von bis zu 85
Prozent der förderfähigen Kosten sind
hier möglich. Entsprechende Anträge
können über die Kreisverwaltung Bad
Dürkheim beim Landesbetrieb Mobi-
lität gestellt werden.
Um die Kommunen beim Neubau und
Ausbau ihrer Bushaltestellen inhaltlich
zu unterstützen, hat der Verkehrsver-
bund Rhein-Neckar (VRN) die On-
line-Broschüre „Barrierefreie Bushal-
testellen – Empfehlungen für Aus- und
Umbau im Verkehrsverbund
Rhein-Neckar“ herausgegeben.
Bis hin zur vollständigen Barrierefrei-
heit im ÖPNV ist es zwar noch ein lan-
ger Weg. Doch der Landkreis Bad Dürk-
heim ist die ersten Schritte bereits ge-
gangen – für eine bequeme Nutzung
von Bus und Bahn für alle. Und schließ-
lich profitieren auch die Umwelt und
das Klima davon.
|
Gabi Schott
INFO
Gabi Schott: 06322/961-
1301, gabi.schott@kreis-
bad-duerkheim.de, Down-
loads: Nahverkehrsplan
2019 und VRN-Broschüre
Ausbau barrierefreier
Bushaltestellen: www.
kreis-bad-duerkheim.de
Maßnahmen für mehr Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr: Bodenbe-
lag für Blinde, Rampen und ebenerdiger Einstieg für Rollis sowie Vorzugsplät-
ze im Fahrzeug.
Fotos: VRN
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