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Nutzung, Erholung, Artenvielfalt: Der Wald hat auch über den Klimaschutz hinaus wichtige Funktionen.
Fotos: Bernd Lischke/Siegfried Weiter/Patricia Balcar/Landesforsten
Retter und Opfer zugleich
Klimakranker Wald (4):
Wechselwirkungen zwischen Wald und Weltklima
Es klingt eigentlich gar nicht so schwierig, die globale Erwärmung zumindest abzufedern. Forscher der Eidgenös-
sischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich ermittelten: Die weltweite Aufforstung eigne sich ihrer aktuellen Stu-
die zufolge als effektive Maßnahme. Doch wie so oft liegt der Teufel im Detail.
„Der Wald hat das Potenzial zum Kli-
maretter“, betont Joachim Weirich, Pro-
duktleiter Waldinformation, Umweltbil-
dung und Walderleben beim Forstamt
Bad Dürkheim. Er verweist auf die Stu-
die der Züricher Forscher: Demnach
kann die weltweite Aufforstung auf ei-
ner Fläche von 0,9 Milliarden Hektar
zwei Drittel der vom Menschen verur-
sachten CO2-Emissionen aufnehmen.
Die Forscher berechneten zudem, dass
unter den aktuellen klimatischen Be-
dingungen die Erde mit rund 4,4 Mil-
liarden Hektar Wald bedeckt sein könn-
te. Das seien 1,6 Milliarden mehr als
die derzeit vorhandenen 2,8 Milliarden
Hektar. 0,9 Milliarden Hektar da-
von seien vom Menschen nicht ge-
nutzt, könnten also mit Wald be-
pflanzt werden, ohne dass es Ein-
schränkungen bei anderen Nut-
zungen geben würde.
„Die Studie ist seriös“, unterstreicht
Weirich. „Der Wald könnte also
CO2 als Beschleuniger des Klima-
wandels zu einem Großteil neutralisie-
ren“. Das Problem: Der Theorie müss-
te ganz schnell die Praxis folgen – und
derzeit ist der Wald vielerorts selbst
Opfer der globalen Erwärmung, wie
verheerende Waldbrände in Sibirien
und Australien sowie Trockenschäden
auf großen Flächen auch in Deutsch-
land zeigen. Schon jetzt können laut
Weirich Waldbesitzer in Deutschland
die Herausforderung kaum stemmen,
den Wald angesichts der Dürre- und
Schädlingsfolgen zu erhalten, geschwei-
ge denn neue Flächen bewalden. Auch
weltweit gestaltet sich die Entwicklung
derzeit tragischerweise eher umgekehrt.
Statt Wald aufzuforsten, werden in un-
glaublicher Geschwindigkeit Urwälder
in Südamerika und Indonesien gezielt
niedergebrannt und abgeholzt, um bei-
spielsweise Weideland und Äcker für
Futtermittel oder Palmöl zu schaffen.
Weirich: „Angesichts dieser Entwick-
lung scheint es schon wieder utopisch,
ein Gebiet der Größe der USA aufzu-
forsten.“ 2019 habe die Menschheit in
Sachen Wald eher eine Rolle rückwärts
vollzogen: „Es geht in Rekordgeschwin-
digkeit unglaublich viel tropischer Re-
genwald verloren, und der ist im Ver-
gleich zu unseren heimischen Wäldern
ein Leistungssportler in Sachen Holz-
und Sauerstoffproduktion. Dort wird
CO2 regelrecht aufgefressen“, bedau-
ert Weirich. „Aber einmal zerstörte Re-
genwälder kann aufgrund der Kom-
plexität dieser Lebensräume kein Förs-
ter wiederherstellen.“ Da lande man
schnell wieder auf dem Boden der Tat-
sachen: „Wir müssten als erstes Ziel zu-
nächst die Zerstörung stoppen, aber
gleichzeitig mit der Aufforstung begin-
nen“, meint der Förster. Das Zeitfens-
ter sei extrem eng. „Und durch den
schon bestehenden Klimawandel wird
auch die Aufforstung immer schwieri-
ger. Damit hätte schon vorgestern be-
gonnen werden müssen.“ Aber aufge-
ben ist keine Option, und Beiträge zum
Schutz des Waldes und somit zugleich
gegen den Klimawandel leisten, kann
jeder. Weirich: „Die Frage ist doch, in-
wieweit auch wir hier Verantwortung
für internationale Wälder über die Bäu-
me vor der Haustür hinaus tragen müs-
sen und wollen.“ Möglichkeiten, sich
der fatalen aktuellen Entwicklung ent-
gegenzustemmen, gebe es auch für
Verbraucher in Deutschland:
Kein oder nur wenig Fleisch essen
,
dabei Biofleisch und Wild aus der Re-
gion den Vorzug geben. Auf Fleisch
aus Argentinien und Brasilien kom-
plett verzichten. Grund: Weite Teile
der südamerikanischen Regenwälder
fallen Viehweiden und dem Anbau
von Soja und anderen Futtermitteln
für die Massentierhaltung in Deutsch-
land zum Opfer. Die Massentierhal-
tung bringe zudem das Gülleprob-
lem mit sich.
Produkte mit Palmöl meiden
. Palm-
öl kann laut Weirich nur auf Kosten
der Regenwälder in den Tropen pro-
duziert werden. Es ist aber in vielen
Produkten enthalten, vor allem in Fer-
tiggerichten wie etwa Tiefkühlpizza.
Holzprodukte aus heimischen Wäl-
dern den Vorzug geben
: Grillkoh-
le kommt laut Weirich aus allen Tei-
len der Welt. „Deutsche Grillkohle
ist nachhaltig erzeugt, während für
Holzkohle aus dem Ausland häufig
Wälder zerstört werden.“ Wer bei
Holzprodukten allgemein auf das
Herkunftssiegel achte und heimi-
schen sowie FSC-zertifizierten
Produkten den Vorzug gebe, leis-
te schon einen wichtigen Bei-
trag für die Klimarettung.
Mobilität hinterfragen
: Für das
Klima ist es am besten, ganz auf
das Fliegen zu verzichten. Zumin-
dest sei heutzutage aber geboten,
jeden Flugkilometer zu hinterfragen,
findet Weirich. „Es gibt in dieser Frage
aber nicht nur schwarz und weiß: wenn
wir alle unsere Flugkilometer halbie-
ren, ist schon viel gewonnen.“
Klimaschutz zu Hause:
Wer natur-
nahe Gärten mit heimischen Baum-
und Straucharten anlege, leiste ei-
nen Beitrag zum Natur-, Klima- und
Artenschutz.
Energiesparen:
Nicht zuletzt ist laut
Weirich angeraten, allgemeine Ener-
giespartipps zu beachten, um Strom-
und Heizkosten zu sparen.
Wer diese Tipps beherzigt und sein
Verhalten beim Einkauf und im All-
tag hinterfragt, kann einen positiven
Kreislauf in Gang setzen: Indem der
Mensch etwas gegen den Klimawan-
del tut, schützt er zugleich den Wald.
Waldschutz kommt wiederum dem
Klima zugute. Schließlich haben Wäl-
der erwiesenermaßen das Potenzial
zum Klimaretter. Und wir alle können
ihnen dabei helfen.
|
Gisela Huwig
Hintergrund
Das Crowther Lab
Tom Crowther ist Professor an
der Eidgenössischen Techni-
schen Hochschule Zürich. Er
begründete das sogenannte
Crowther Lab, das an naturba-
sierten Lösungen für den Klima-
wandel forscht.
Das Studienergebnis
Im Crowther Lab fanden For-
scher heraus, dass die weltweite
Aufforstung von Wäldern nicht
nur bedeutende Mengen an
CO2-Emissionen binden könnte,
sondern auch durchaus möglich
ist. Städte und landwirtschaftli-
che Flächen wurden nämlich
von der potenziellen Auffor-
stungsfläche ausgenommen, weil
der Mensch diese Gebiete an-
derweitig brauche. Trotzdem
gäbe es noch ausreichend Auf-
forstungsfläche.
Die potenziellen Flächen
Derzeit stehen der Studie zufol-
ge ein Gebiet der Größe der
USA für die Aufforstung zur Ver-
fügung. Vor allem Gebiete in
Russland, USA, Kanada, Australi-
en, Brasilien und China seien
geeignet. Die dort wachsenden
Wälder könnten 205 Milliarden
Tonnen Kohlenstoff binden.
Das Fazit
Tom Crowther dazu: „Unsere
Studie zeigt deutlich, dass Flä-
chen zu bewalden derzeit die
beste verfügbare Lösung gegen
den Klimawandel ist. Allerdings
müssen wir schnell handeln,
denn es wird Jahrzehnte dauern,
bis die Wälder reifen und ihr
Potenzial als natürliche
CO2-Speicher ausschöpfen“.
|
Red
Wir alle können mit unserem
Konsumverhalten den Wald als
potenziellen Klimaretter schüt-
zen und fördern.
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