DÜW-Journal - page 6

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Auf Wohnungssuche
Viele unbegleitete minderjährige Ausländer in Ausbildung
Jugendliche, die ohne Eltern nach Deutschland kommen – unter den Flüchtlingen der vergangenen Jahre war es im Landkreis Bad Dürkheim eine über-
schaubare Gruppe. Doch es ist eine, die besonderer Aufmerksamkeit bedarf: Junge Menschen erhalten neben einer Unterkunft eine spezielle Betreuung,
je nach Fall übernimmt der Landkreis die Vormundschaft bis zum 18. Geburtstag. Mittlerweile kommen nur noch wenige Minderjährige im Kreis an. Die
„Angekommenen“ sind inzwischen volljährig, haben häufig einen Ausbildungsplatz oder einen Job – und suchen eine Wohnung.
Bis Ende 2015 gab es für die sogenann-
ten „unbegleiteten minderjährigen Aus-
länder“ (UMA) eine Sonderregelung im
Gegensatz zu Erwachsenen: Sie wur-
den nicht nach dem Königssteiner
Schlüssel gleichmäßig auf die Kommu-
nen verteilt, sondern das Jugendamt,
in dessen Bereich sie zuerst ankamen,
blieb für sie zuständig. „Da große Städ-
te für die jungen Leute attraktiver wa-
ren als das Land, kamen daher nur we-
nige zu uns in den Kreis. Aber wir ha-
ben schon immer, auch die vergange-
nen zehn Jahre, vereinzelt jugendliche
Ausländer aufgenommen“, erläutert Jo-
hannes Henrich, Leiter des Jugend-
und Sozialamts. Aufgrund des Zustroms
in 2015 entschied sich der Bund je-
doch, auch die Jugendlichen zu vertei-
len. Bis Mitte 2016 kamen dann nach
und nach rund 100 UMA in den Kreis
Bad Dürkheim. Unterkünfte in Jugend-
einrichtungen mussten gefunden wer-
den, Vormundschaften wurden über-
nommen.
Besondere Betreuung
Um die jungen Leute gut unterstützen
zu können, kamen manche bei Pfle-
gefamilien unter, der Großteil bei frei-
en Trägern in Wohneinrichtungen. Hier
leben sie weitestgehend selbstständig,
in Wohnheimen oder dezentralen
Wohngemeinschaften, in der Regel ge-
meinsam mit deutschen Jugendlichen.
Ein Sozialarbeiter ist als Ansprechpart-
ner erreichbar und regelmäßig vor Ort.
„Pflegefamilien sind eine gute Mög-
lichkeit für Jugendliche, die bei ihrer
Ankunft noch sehr jung waren. Aber
viele waren schon fast 18 Jahre alt, da
funktioniert das Leben in einer Wohn-
gemeinschaft mit Gleichaltrigen bes-
ser“, sagt Henrich.
Ambulante Jugendhilfe
Das Jugendamt arbeitet mit mehreren
freien Trägern für ambulante Jugend-
hilfe zusammen – 70 der unbegleite-
ten Minderjährigen werden von sechs
dieser Anbieter betreut. Davon gehen
15 noch zur Schule, 16 machen einen
Sprachkurs, 13 sind in einer Ausbil-
dung, 15 haben einen Job und elf sind
in einer Maßnahme vom Jobcenter oder
suchen aktuell Arbeit.
Viele volljährig
Aktuell sind insgesamt noch 78 UMA
in der Jugendhilfe, die meisten männ-
lich und nur noch 14 unter 18 Jahre.
„Die Hilfeleistungen enden nicht ab-
rupt mit der Volljährigkeit“, erklärt Hen-
rich. „Die jungen Menschen werden
noch etwas weiter betreut und nach
und nach in die Selbstständigkeit ge-
führt.“ Momentan kommen nur noch
sehr wenige Jugendliche neu in den
Landkreis. Die meisten derer, die be-
reits hier sind, sind mittlerweile voll-
jährig. Und von den 70 genannten ver-
dienen 28 selbst Geld – sie sind auf
dem Weg in die Selbstständigkeit und
könnten bald alleine leben. Das Prob-
lem ist: Es fehlt bezahlbarer Wohn-
raum.
Kaum bezahlbare Wohnungen
„Wohnraum war schon von Anfang an
ein Problem“, sagt Wolf Kuhlmey, So-
zialpädagoge bei ASiV, ein Anbieter,
mit dem der Kreis zusammenarbeitet.
ASiV habe daher 2015 angefangen,
Wohnungen im Grünstadter Raum an-
zumieten. In Spitzenzeiten waren rund
30 unbegleitete Jugendliche in Wohn-
gemeinschaften untergebracht. ASiV
betreut die Jugendlichen in dezentra-
len Wohnungen: Es gibt kein größeres
Haus, das wie ein Wohnheim funkti-
oniert, sondern mehrere Wohngemein-
schaften, in denen die Jugendlichen je
nach Bedarf mehr oder weniger selbst-
ständig leben. „Wir haben daher den
Vorteil, dass die jungen Menschen die
Wohnung von uns übernehmen kön-
nen, wenn sie wollen und es finanzie-
ren können. Der Mietvertrag läuft dann
auf sie, aber sie bleiben in der gleichen
Wohnung.“
Wohngemeinschaft als Lösung
Eine Dreizimmerwohnung könnten drei
junge Leute gemeinsam gut finanzie-
ren. „Bezahlbarer Wohnraum ist ja ge-
nerell ein Problem, das betrifft alle,
nicht nur Jugendliche und nicht nur
Einwanderer“, fasst es Kuhlmey zusam-
men. „Die meisten der Jungs haben
kaum eine Chance, eine Wohnung zu
bekommen.“ Bleibt die Hoffnung, dass
sich Vermieter finden, die Wohnge-
meinschaften von UMA eine Chance
geben. Denn wer nicht in der gleichen
Situation ist wie die Jungs bei ASiV, hat
es schwer.
Ziel: Geld verdienen
Wie generell in einemQuerschnitt durch
die Gesellschaft, gibt es auch bei den
UMA in den aktuellen Wohnungen
manchmal Reibereien. „Natürlich gibt
es mal Konflikte mit den Nachbarn, die
Musik ist zu laut, die Party ging zu lang.
Wie bei anderen Jugendlichen auch“,
sagt Kuhlmey. Und nicht alle UMA sind
überdurchschnittlich engagiert – das
weiß auch das Jugendamt. Auch dort
gibt es ein paar, die keine Lust auf Schu-
le und Arbeit haben. Aber Kuhlmey
sagt: „Die machen. Teilweise verzögert,
wie das bei jungen Leuten eben ist.
Aber die meisten haben einen Plan, die
wollen hierbleiben und sind aktiv.“ Nicht
jeder beende die Schule regulär – ge-
nauso wie deutsche Jugendliche, wol-
len manche lieber schnell Geld verdie-
nen, arbeiten bei Amazon oder Mac-
Donalds. „Aber wer sich weiterbilden
will, bekommt das hin.“
|
Sina Müller
Landkreis Bad Dürkheim:
Zahlen zur Migration
Größte Gruppe aus Europa
Der Zustrom an Flüchtlingen, insbe-
sondere aus Syrien und Afghanistan
2015 und 2016, hat die Themen Migra-
tion und Integration verstärkt ins Be-
wusstsein gerückt. Die persönlichen
Geschichten in unserem Titelthema
zeigen: Vertreibung und Flucht sind
dramatische Aspekte, weshalb Men-
schen zu uns kommen. Aber sie sind
bei Weitem nicht die Einzigen.
12.546 Ausländerinnen und Ausländer
– also Menschen mit nichtdeutschem
Pass – lebten zum Stichtag 31. Okto-
ber 2018 im Landkreis Bad Dürkheim.
Die größte Gruppe von ihnen stammt
aus Europa, nämlich 9232 Menschen.
Hiervon sind die meisten aus EU-Staa-
ten: 6650 Personen.
Betrachtet man nur einzelne Staaten,
haben die meisten ausländischen Mit-
bürger einen polnischen Pass (2372
Leute). Die größte Gruppe aller Nicht-
deutschen lebt seit weniger als vier
Jahren in Deutschland: 4829 Perso-
nen sind dies im Landkreis. Aber eine
ebenfalls große Gruppe lebt seit über
30 Jahren und mehr hier – 1817 Men-
schen. Viele von ihnen erfüllen die
Voraussetzungen, sich einbürgern zu
lassen.
Im Vergleich dazu ist die Gruppe der
Menschen, die aufgrund von Vertrei-
bung und Flucht nach Deutschland ge-
kommen und über den Königssteiner
Schlüssel in den Landkreis Bad Dürk-
heim verteilt wurden, eher gering. Und
sie nimmt seit 2016 deutlich ab. Kamen
2015 noch 1220 Personen in den Kreis,
waren es bis 13. November in 2018 nur
167 Personen (siehe Grafik rechts).
Bei 1953 von denen, die aktuell im
Kreis leben, ist das Asylverfahren ab-
geschlossen. Von 775 wurde der An-
trag abgelehnt, sie sind häufig gedul-
det oder ausreisepflichtig. 34 sind als
Asylberechtigte anerkannt, 680 haben
Flüchtlingseigenschaft, 379 subsidiären
Schutz. Bei 470 Personen läuft aktuell
das Asylverfahren.
„Als wohlhabendes Land haben wir in
Deutschland die humanitäre Verpflich-
tung, Menschen in Not aufzunehmen.
Wir können froh sein, dass wir dazu
in der Lage sind. Dies ist unter ande-
rem dem Engagement vieler Ehrenamt-
licher zu verdanken“, sagt Landrat
Hans-Ulrich Ihlenfeld. „Ebenso bin ich
stolz, dass Integration in den allermeis-
ten Fällen gelingt. Falls sie in Einzel-
fällen nicht gelingt, sollte das jedoch
Konsequenzen haben.“
|
SM
Quelle: Kreisverwaltung Bad Dürkheim
Anzahl gesamt
Die häufigsten Nationalitäten:
Syrien Afganistan
Albanien Somalia
Armenien
Türkei
Pakistan
Dem Landkreis Bad Dürkheim
zugewiesene Personen
gesamt 167 (bis 13.11.2018)
2018
23
26
19
gesamt 269
2017
54
30
23
gesamt 864
2016
435
195
51
2015
gesamt 1220
532
182
104
Verteilung Asylbewerber
Foto: Julia Sudnitzkaya/stock.adobe.com
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