DÜW-Journal - page 7

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Weisenheim am Sand:
Gesundheitsamt gibt Lehrern Anregungen für Pausensport
Spielend in Bewegung kommen
Spaß an Bewegung: Ideen für Pausenspiele lieferte eine Fortbildung des Ge-
sundheitsamts.
Fotos: KV/Müller
Zu viel Süßes und zu wenig Bewe-
gung – eigentlich weiß jeder, was uns
dick macht. Fast ein Drittel der Deut-
schen ist übergewichtig. Und auch
immer mehr Kinder sind betroffen.
Im Landkreis Bad Dürkheim sind es
seit fünf Jahren konstant um die zehn
Prozent der Erstklässler, die unter
Übergewicht oder sogar Adipositas
leiden. Mit etwas mehr Bewegung im
Alltag ist schon viel geschafft. Dazu
verhelfen etwa lustige Spiele in den
Schulpausen – Ideen lieferte die Fort-
bildung des Gesundheitsamts Ende
Oktober in Weisenheim am Sand.
Die Lehrerinnen und Lehrer haben sich
in zwei Gruppen aufgeteilt und rennen
los. So schnell wie möglich zum neun-
teiligen Spielfeld, in dem gelbe oder
rote Hütchen platziert werden. Rennen,
stoppen, bücken und dabei noch nach-
denken – das fordert. Das Bewegungs-
spiel Tic, Tac, Toe funktioniert wie auf
dem Papier: Wer als erstes drei gleiche
Symbole in einer Reihe hat, gewinnt.
Und wer im Pausenhof keine Hütchen
hat, der kann es auch mit Mützen und
Schals spielen oder was sonst noch zu
finden ist.
Bewegungsmangel fördert Adipositas
„Neben der unausgewogenen Ernäh-
rung ist Bewegungsmangel der Haupt-
grund für Adipositas“, weiß Silke Base-
nach, stellvertretende Leiterin des Ge-
sundheitsamts der Kreisverwaltung Bad
Dürkheim. „Vor 100 Jahren kannten Kin-
der in Deutschland noch rund 100 ver-
schiedene Spiele im Freien. Heute sind
es nur noch fünf bis sechs.“ Ein Grund
für das Gesundheitsamt, in Zusammen-
arbeit mit dem Adipositas-Netzwerk
Rheinland-Pfalz, seit 2010 Fortbildun-
gen für Grundschullehrer anzubieten.
„Die Kinder sollen spielend lernen, dass
Bewegung Spaß macht, wichtig für den
Körper ist und somit ein Bewusstsein
dafür entwickeln.“
15 Lehrerinnen und Lehrer sind am 28.
Oktober nach Weisenheim am Sand ge-
kommen. Unter ihnen Uschi Kucharsky
von der Grundschule Kallstadt. „Mir
fehlen noch ein paar Ideen für schöne,
gemeinsame Spiele, um auch die Kin-
der einzubeziehen, die sich drücken.“
Die sollen heute vorgestellt werden.
Doch zunächst nimmt der Arzt Johan-
nes Oepen, stellvertretender Vorsitzen-
der des Adipositas-Netzwerks, die Angst
vor Doktrinen: „Die Kinder sollen kei-
ne Kalorien zählen. Ab und zu Schoko-
ladenkekse sind okay. Die gezuckerten
Getränke weg lassen, das hilft schon
viel.“ In seinem Vortrag zu Beginn er-
klärt er die Hintergründe von Überge-
wicht und krankhafter Adipositas. Kin-
der sollten keine Diäten machen – nur
gesünder essen und sich mehr bewe-
gen. Dass das selbst für Erwachsene
schwierig ist, gesteht er ein. „Wir wis-
sen alle, was uns gut tut. Aber wir ma-
chen dennoch das Gegenteil.“ Es gin-
ge daher nicht umWissen, sondern um
Verhalten. Kinder wissen auch, dass
Brokkoli gesünder ist als Chips. „Sie es-
sen dann mit schlechtem Gewissen.“
Oepen ist dafür, die Ernährung nicht
zu problematisieren. Alles sei in Maßen
erlaubt. Mit Pausenspielen könne die
Bewegung im Alltag angeregt werden,
dass Kinder Spaß daran entwickeln,
auch wenn sie nicht super-sportlich
sind. „Zu dick sein bedeutet nicht, dass
einer krank ist. Wenn ein Kind dick ist,
aber fit, dann ist das nicht so schlimm.
Krank ist es, wenn es im Alltag Ein-
schränkungen gibt.“ Die Inaktivität sei
ungesund und fördere Depressionen.
Tipps auch für Regentage
Dass die Kinder sich gar nicht bewe-
gen, kann Gabi Goetsch aus Kallstadt
nicht behaupten: „Die machen viel in
der Pause. Aber es bilden sich teilwei-
se Grüppchen, manche sind schüchtern
und machen nicht mit. Auch diese Kin-
der möchte ich dazu holen.“ Vanessa
Müller macht an der gleichen Schule ihr
FSJ. Sie interessiert sich besonders für
gemeinschaftliche Bewegung im Klas-
senzimmer – damit auch bei Regenta-
gen getobt werden kann. Dazu kann
Marc Herloch, Sportwissenschaftler aus
Mainz, Tipps geben: 20 Sekunden lang
lässt er die Lehrerinnen und Lehrer ihre
Ellenbogen über Kreuz zum Knie füh-
ren, kurz Pause, dann weitermachen.
Das ist anstrengend. Für ihn ein Ele-
ment aus dem Sportkonzept „Crossfit“,
das problemlos zwischendurch im Un-
terricht ausprobiert werden kann. „Ihr
könnt die Kinder fragen, was sie ma-
chen wollen. Alles Mögliche ist erlaubt.
Zum Beispiel können sie Zoo spielen
und sich bewegen wie ein Tier.“ Das
Gute: Alle Kinder können mitmachen,
jeder in seinem Tempo. Dann geht es
in die Turnhalle für die eigentlichen
Pausenspiele – mindestens zehn hat er
mitgebracht. Neben Tic Tac Toe wird
auch noch Schuh-Hockey gespielt: Ei-
nen Schuh ausziehen, eine Hand rein
und nur damit versuchen, den Ball ins
Tor zu schubsen. Oder „Farmers and
Lumberjacks“ – also Bauer und Holz-
fäller: Ein Team muss Hütchen aufstel-
len, das andere sie umwerfen, nach ei-
ner bestimmten Zeit wird geschaut, wer
am meisten geschafft hat. Nach anfäng-
licher Skepsis wird viel gelacht. Das
freut Trainer Herloch, denn die Spiele
sollten natürlich auch den Lehrern Spaß
machen – wenn nicht, merken das die
Kinder sofort. „Es darf ein bisschen an-
strengend und muss nicht komplett spie-
lerisch sein. Ihr könnt euch alles Mög-
liche ausdenken, meine Spiele sind nur
eine Anregung. Und nach der Bewe-
gung sitzen die Kinder begeistert im
Matheunterricht“, verspricht Herloch.
Adipositas-Netzwerk Rheinland-Pfalz
„Adipositas begünstigt die Ent-
stehung von Erkrankungen, zum
Beispiel wird das Muskel- und
Skelettsystem stärker bean-
sprucht, was zu einem schnelle-
ren Verschleiß führt. Auch Blut-
hochdruck und manche Krebs-
arten können schneller auftre-
ten“, weiß Silke Basenach, stell-
vertretende Leiterin des Ge-
sundheitsamts Neustadt. „Es ist
ein hochrelevantes Thema. 2008
beliefen sich die Krankenkosten
für Adipositas und Übergewicht
in Deutschland auf 863 Millio-
nen Euro. Und die Zahlen sin-
ken nicht.“
Das Adipositas-Netzwerk Rhein-
land-Pfalz möchte diesem ge-
fährlichen Trend entgegenwir-
ken. Es ist ein Zusammen-
schluss von Menschen und Insti-
tutionen, die sich mit dem Prob-
lem Übergewicht und Adipositas
im Kindes- und Jugendalter be-
fassen. Der gemeinnützige Ver-
ein wurde im Februar 2003 ge-
gründet – angeregt und unter-
stützt durch die ehemalige Ge-
sundheitsministerin und heutige
Ministerpräsidentin Malu Dreyer.
Es wird kontinuierlich vom
rheinland-pfälzischen Gesund-
heitsministerium unter der jetzi-
gen Ministerin Sabine Bät-
zing-Lichtenthäler gefördert. Es
zählt mittlerweile über 60 Mit-
glieder, darunter auch die Kreis-
verwaltung Bad Dürkheim, ver-
treten durch das Gesundheits-
amt. Die Grundidee des Netz-
werks ist die Vernetzung von
Fachkräften aus Medizin, Psy-
chologie, Ernährung, Bewe-
gung, Schulen und Kindertages-
stätten, Vereinen und vielen
mehr, die gemeinsam gegen
Übergewicht und Adipositas
kämpfen.
Mit einer Stärkung von Gesund-
heitsprävention und medizini-
scher Versorgung möchte das
Netzwerk die Entwicklung stop-
pen, dass in Rheinland-Pfalz
immer mehr Kinder und Ju-
gendliche übergewichtig wer-
den. Dazu organisiert das Netz-
werk unter anderem Präventi-
onsangebote. Im Landkreis Bad
Dürkheim ist zum Beispiel der
schulärztliche Dienst als direkter
Ansprechpartner für die Eltern
eingebunden. Ein weiteres An-
gebot des Gesundheitsamts –
neben der regelmäßig stattfin-
denden Fortbildung zu Pausen-
spielen für Grundschullehrer –
ist zum Beispiel die Unterstüt-
zung für Kindergärten, die zur
„Bewegungskita“ werden wol-
len. Jeder, der die Idee des Adi-
positas-Netzwerks unterstützen
möchte, kann Mitglied werden.
Weitere Informationen:
Tic Tac Toe mit Ring und Hütchen,
hinten Trainer Marc Herloch.
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