DÜW-Journal - page 20

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Minisäuger mit Riesenappetit auf Mücken
Landkreis Bad Dürkheim:
Schutz und Gefährdung von Fledermäusen
Winziger Artgenosse: Mücken-Fleder-
maus.
Foto: Franz Kinkopf
Von wegen, Fledermäuse sind lautlos:
Es knistert und knarzt vernehmlich
unterm Dachfirst des kleinen Häus-
chens amWaldrand in Elmstein. Dann
löst sich ein Schatten und flattert in
den Nachthimmel. Wenig später zieht
ein weiterer Winzling wendig seine
Flugbahnen rund ums Haus – Sturz-
flüge, Zickzack-Bewegungen und Lo-
opings inklusive. Schön, dass sie wie-
der da sind, die Frühlingsboten. So
faszinierend wie sie sich beim abend-
lichen Schauspiel präsentieren, so trau-
rig ist nämlich die Tatsache, dass vie-
le Fledermaus-Arten vom Aussterben
bedroht sind.
In Deutschland sind 23 Arten heimisch.
Einige von ihnen leben imWald, ande-
re suchen wie Zwergfledermaus und
Großes Mausohr die Nähe zu Siedlun-
gen. In Deidesheim leben etwa 50 Maus-
ohr-Weibchen auf einem Dachboden,
in Altleiningen rund 400 Tiere im Kel-
ler der Jugendherberge. „Früher gab es
vermutlich in jeder Siedlung eine Maus-
ohrkolonie. Heute kennen wir in der
gesamten Pfalz nur noch 19, darunter
die beiden im Kreis Bad Dürkheim“,
schildert Hans König, Fledermausex-
perte aus Kirchheimbolanden, den dras-
tischen Bestandsrückgang auch bei uns.
„Wer nahe beim Menschen wohnt, ist
auf Gedeih und Verderb von dessen
Wohlwollen abhängig. Viele Zwergfle-
dermausquartiere etwa werden durch
Renovierungsarbeiten oder aus Angst
vor den Tieren zerstört. Die Insekten-
nahrung ist häufig mit Pestiziden belas-
tet, vielfach verunglücken Tiere in
Schornsteinen, aus denen sie nicht mehr
entwischen können.“ Auch Windkraft-
anlagen seien für sie gefährlich. König:
„Obwohl Fledermäuse unter Schutz ste-
hen, nehmen ihre Bestände großflächig
so rapide ab, dass sämtliche Arten bei
uns auf der Roten Liste der vom Aus-
sterben bedrohten Tier- und Pflanzen-
arten stehen.“ Ein Trauerspiel.
Gewinner der Evolution
Zumal Fledermäuse laut König einst Ge-
winner der Evolution waren: „Unter den
Säugetieren sind sie neben den Nagern
die erfolgreichste Gruppe. Durch die
Eroberung des Luftraumes und die Fä-
higkeit, sich mit Hilfe des Ultraschalls
in der Dunkelheit zu orientieren, sind
sie nahezu konkurrenzlos.“
Eine Erfolgsgeschichte in Sachen Fle-
dermausschutz im Landkreis ist die Har-
denburg. Hier finden sich einige der
letzten Quartiere, die noch in Burgen
existieren. Bei der Sanierung der Burg
habe man auf die Belange der Fleder-
mäuse Rücksicht genommen, was dazu
beigetragen habe, den wichtigen Be-
stand zu sichern: „In den Gewölben
überwintern mindestens 200 Fleder-
mäuse, darunter besonders häufig
Zwergfledermäuse. Im Sommerhalbjahr
bringen Wasserfledermäuse hier ihre
Jungen zur Welt“, erzählt der Fachmann.
Insgesamt 14 der 17 im Kreis beheima-
teten Fledermausarten finden sich hier,
darunter extrem seltene Arten wie Mops-
fledermaus und Zweifarbfledermaus.
Gestört werden sollten die Tiere – ob
auf der Hardenburg oder anderswo –
Waldbewohner: Bechsteinfleder-
maus-Kolonie.
Foto: W. König
Mit exotisch anmutendem Ortungs-
system: Graues Langohr.
Foto: Rolf Klenk
FLEDERMÄUSE: BEISPIELE FÜR HEIMISCHE ARTEN UND IHRE BEDROHUNG
Mit acht Zentimetern Länge, und
40 Gramm Gewicht ist das
Große
Mausohr
die größte Fledermaus-
art bei uns. Im Frühjahr finden
sich die Weibchen zur Geburt
und Aufzucht der Jungen in Wo-
chenstubenverbänden zusam-
men. Sie besiedeln dazu Dachbö-
den, die warm, zugluftfrei und
ungestört sein müssen.
Die
Zwergfledermaus
gehört mit
fünf Zentimetern Länge und fünf
Gramm Gewicht zu den kleins-
ten Säugetieren der heimischen
Fauna. Die Weibchen bringen
Zwillinge zur Welt, die bei der
Geburt je 1,3 Gramm wiegen.
Zwergfledermaus-Ausscheidun-
gen bestehen zu 100 Prozent aus
geschroteten Insekten. Sie sind
nicht ätzend wie Vogelkot, son-
dern ein wertvoller Gartendün-
ger, der wie reiner Guano wirkt.
Auch andere Fledermausarten
leben in enger Nachbarschaft
zum Menschen.
Breitflügelfle-
dermäuse
nutzen ähnlich wie
Zwergfledermäuse Spalten und
enge Verstecke in oder an Ge-
bäuden.
Bartfledermäuse
und
Graue Langohren
bewohnen
dagegen Dachböden.
Bechstein-,
Fransen- und Wasserfledermäu-
se
und die
Braunen Langohren
brauchen als Lebensraum Laub-
und Laubmischwälder, in denen
es von März bis Oktober genü-
gend Insekten als Nahrung für
sie gibt. Wichtig ist ebenso ein
breites Angebot an Baumhöhlen,
um die es heftige Auseinander-
setzungen zwischen höhlenbrü-
tenden Vögeln, sozialen Haut-
flüglern und Schlafmäusen gibt.
Alle sind konkurrenzstärker als
Fledermäuse, was zur Bedrohung
der Arten beiträgt. Neben relativ
bodenständigen Fledermäusen
gibt es auch solche, die im Laufe
ihres Lebens große Distanzen
überwinden. Dazu gehören der
Kleine
und der
Große Abend-
segler
, die
Rauhhaut-
und die
Zweifarbfledermaus
.
Dazu, dass viele Fledermausar-
ten am Rande der Ausrottung
stehen, führen viele Faktoren:
Pestizide und Insektizide etwa
verschlechtern die Nahrungs-
grundlage. Dörfliche Strukturen
wie Streuobstwiesen und klein-
bäuerliche Viehhaltung fehlen.
Straßen zerschneiden Fleder-
maus-Reviere und Dämmmaß-
nahmen verschließen Quartiere.
Die Ansprüche an den Lebens-
raum sind bei den einzelnen
Arten unterschiedlich.
Beim Winterschlaf: Großes Mausohr
in seiner Höhle.
Foto: Rolf Klenk
Legt in seinem Leben große Distan-
zen zurück: Rauhaut.
Foto: W. König
übrigens so wenig wie möglich. In küh-
len Sommerphasen und beim Überwin-
tern sind sie besonders störungsanfäl-
lig: „Da es imWinter keine Nahrung für
die Fledermäuse gibt, müssen sie sich
im Herbst ein Fettpolster anfressen, das
für mehrere Monate reicht“, weiß der
Naturschützer. „Bereits die abgestrahl-
te Körperwärme oder der Atem anwe-
sender Personen kann sie wecken. Bei
wiederholter oder beständiger Störung
verbrauchen sie ihre Fettvorräte zu
schnell und verhungern.“
Winzige Insektenjäger
Dabei sind die Mini-Säuger nicht nur
knuffig anzuschauen, sondern oben-
drein sehr nützlich: Heimische Arten
fressen fast ausschließlich nachtaktive
Insekten, darunter Mücken und Blatt-
läuse. Und es werden große Mengen
an Beutetieren benötigt! Eine zehn
Gramm schwere Wasserfledermaus etwa
vertilgt von März bis Oktober gut 60.000
Mücken, was pro Nacht einem Drittel
ihres Körpergewichts entspricht. Die
kleine Zwergfledermaus ist noch bes-
ser: Ihr täglicher Nahrungsbedarf liegt
bei etwa der Hälfte des eigenen Kör-
pergewichts, wobei sie durchaus dazu
beitragen kann, die nächtliche Schna-
kenplage spürbar einzudämmen.
Ein Grund mehr, sich auch in Elmstein
über die Rückkehr der Kunstflieger zu
freuen. Hier ist der Spuk noch nicht vor-
bei: Einige Minuten lang dauert das
Spektakel mit dem Geknarze und Ge-
zirpe, das so witzig nach Gedrängel vor
dem Ausflug klingt. Wo so viele dieser
ebenso erstaunlichen wie putzigen We-
sen unterm Dach Platz finden können,
ist dem Beobachter ein Rätsel: Nur ein
kleiner Spalt klafft zwischen Verputz
und Ziegeln. Fledermaus-Experte Hans
König kann es lösen: Vermutlich han-
delt es sich auch hier um Zwergfleder-
mäuse, die so winzig sind, dass sie in
eine Streichholzschachtel passen wür-
den. Zumindest diese Art bekommt man
im Kreis Bad Dürkheim noch vergleichs-
weise oft zu Gesicht. Eben dort, wo die
Tiere bei Menschen willkommen sind.
INFO
Kontakt: Hans König,
06352/789972.
Fledermausinfos auch
unter:
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