DÜW-Journal - page 7

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Das Angebot für Asylbewerber und
Flüchtlinge im Kreis verbessern und
bestehende ehrenamtliche Initiativen
vernetzen – das hat sich der „Runde
Tisch Asyl“ vorgenommen. Das erste
Treffen fand imNovember in Bad Dürk-
heim statt und zeigte: Initiativen gibt
es viele, doch nur selten wissen sie
voneinander. Eine Kontaktliste für den
Austausch ist das erste Ziel.
Ehrenamtliche und Vertreter von Ver-
bänden, Kirchen, Städten und Gemein-
den waren zum ersten Runden Tisch
Asyl gezielt eingeladen worden. Etwa
60 Personen trafen sich im Ratssaal der
Kreisverwaltung in Bad Dürkheim, um
ihre Erfahrungen auszutauschen.
Zu Beginn der Veranstaltung erläuterte
Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld die Ak-
tualität: Die Zahl der ankommenden
Flüchtlinge ist im vergangenen Jahr dras-
tisch angestiegen, auch für 2015 wird
nochmal mit einem Zuwachs gerech-
net. „Wir wollen den Ankommenden
zeigen, dass sie willkommen sind“, sag-
te der Landrat. Doch die Kosten auf Sei-
ten des Landkreises seien immens. Für
2015 rechnet der Landrat mit Ausgaben
von 2,5 Millionen für Flüchtlinge und
Asylbewerber, die nur zum Teil vom
Land erstattet werden. Etwa 500 Flücht-
linge lebten aktuell im Landkreis, da-
von seien über 300 neu in 2014 dazu
gekommen, erläuterte der zuständige
Beigeordnete Frank Rüttger. In letzter
Zeit kämen vermehrt Einzelpersonen,
die eine besondere Betreuung brauchen.
„Der Flüchtlingsstromwird anhalten und
noch stärker werden. Es geht nicht nur
darum, Wohnraum zu finden. Wir müs-
sen uns auch um die psychosozialen
Bedingungen kümmern. Die meisten
sprechen kein Deutsch, viele sind trau-
matisiert, in den Unterkünften treffen
fremde Kulturen aufeinander. Hier ist
mehr Hilfe nötig als ein Dach über dem
Kopf“, so der Landrat. Doch aufgrund
der beschränkten finanziellen Möglich-
keiten, habe der Kreis nur wenig Spiel-
raum. Er sei daher auf die Hilfe von Eh-
renamtlichen angewiesen, für die sich
Ihlenfeld herzlichst bedankte. Er ver-
wies auf die Möglichkeit, ehrenamtliche
Projekte im Flüchtlingsbereich bald durch
die Stiftung des Landkreises zu fördern.
Zwischen den Teilnehmern des ersten
Runden Tischs entstanden Gespräche
und in einigen Punkten konnte noch
am gleichen Abend Wissen weitergege-
INFO
Die Verteilung der Flüchtlinge,
die nach Deutschland kommen,
richtet sich nach dem Königstei-
ner Schlüssel. Dieser weist den
Bundesländern Personen abhän-
gig von der Einwohnerzahl zu
und diese wiederum den Kom-
munen. Nach dem Schlüssel
nimmt der Landkreis Bad Dürk-
heim 3,3 Prozent der Asylbewer-
ber von Rheinland-Pfalz auf. Das
waren im vergangenen Jahr 350
Personen, die dann wiederum an
die Verbandsgemeinden und
Städte verteilt wurden. Darunter
waren 126 Einzelpersonen, zu
fast zwei Dritteln Männer. Insge-
samt leben rund 500 Flüchtlinge
im gesamten Landkreis, von de-
nen 162 geduldet sind – das
heißt, ihr Asylantrag ist abge-
lehnt, sie werden aber beispiels-
weise wegen Krankheit nicht
abgeschoben. Es sind 19 Natio-
nen vertreten, die meisten kom-
men aus Syrien, Serbien, Eritrea,
Mazedonien, Pakistan und dem
Kosovo. 2015 wird der Kreis ver-
mutlich 350 bis 400 neue Asylbe-
werber aufnehmen. Die Unter-
bringung und Versorgung ist seit
der Delegationssatzung von 1995
auf die Gemeinden delegiert. Das
bedeutet, dass sich Städte, Ver-
bandsgemeinden und die Ge-
meinde Haßloch komplett um
die Asylbewerber kümmern und
auch die Kosten hierfür vorstre-
cken. Diese werden dann in vol-
ler Höhe vom Landkreis erstattet.
Der Landkreis wiederum erhält
vom Land pro Kopf nur einen
Pauschalbetrag von 513 Euro im
Monat, der maximal drei Jahre
gezahlt wird. Da dieser Betrag
die Kosten für Miete, Nahrung,
Gesundheit und so weiter nicht
deckt, legt der Kreis jedes Jahr
drauf. Die Kosten für 2014 betra-
gen rund 2,5 Millionen Euro,
wovon dem Kreis etwa 800.000
Euro nicht erstattet wurden. Für
2015 wird mit einer weiteren Stei-
gerung von 100.000 Euro gerech-
net, die in der Differenz bleiben.
Die Gemeinden sind stetig auf
der Suche nach Wohnraum, der
immer knapper wird. Wer geeig-
nete Objekte zur Verfügung stel-
len kann, wird gebeten sich zu
melden. Im Haushalt 2015 hat der
Kreis zwei Millionen Euro für
Unterbringungslösungen einge-
plant: Hiervon könnte der An-
kauf von Wohnraum durch die
Gemeinden vorfinanziert werden
oder als nachrangigste Lösung
Wohnraumcontainer dezentral
aufgestellt werden. Insgesamt
leben im Kreis rund 9.600 Perso-
nen mit Migrationshintergrund
(7,1 Prozent der Bevölkerung).
Zur Sache:
Hilfe zur Selbsthilfe
Beim Runden Tisch stellten verschie-
dene Organisationen aus dem Land-
kreis ihren Einsatz vor. Jutta Schlott-
hauer vom Mehrgenerationenhaus
(MGH) in Bad Dürkheim sprach vom
wöchentlichen Männersprachkurs,
der angeboten werde. Diesen wolle
man unbedingt weiterführen und
suche noch ehrenamtliche Lehrkräfte.
Außerdem baut das MGH ein Wohn-
patenprojekt auf, bei dem jeweils ein
Pate eine Wohneinheit oder Familie
betreut, bei Behördengängen hilft, mit
in die Kleiderkammer geht, allgemein
Ansprechpartner ist. Einer dieser
Paten meldete sich ebenfalls zu Wort
und rief dazu auf, Männerkleidung für
die Kleiderkammer zu spenden. Gera-
de Winterkleidung für junge Männer
werde dringend benötigt. Auch alte
Fahrräder oder Fernseher würden
weiterhelfen.
Für den Arbeitskreis (AK) Asyl
Neustadt, Gruppe Deidesheim,
sprach Ernst Bedau. Etwa 20 Leute
haben sich in Deidesheim zusam-
mengefunden, die Asylbewerbern
helfen wollten. Sie geben kostenlosen
Deutsch-Unterricht, der als Vorstufe
zu den VHS-Kursen gesehen werden
kann. Wer regelmäßig teilnimmt, der
bekommt im Anschluss die Hälfte des
VHS-Kurses bezahlt.
Die Leininger Initiative gegen Auslän-
derfeindlichkeit (LIGA) hilft seit über
20 Jahren Flüchtlingen und Migranten.
Das Café International ist dabei erste
Anlaufstelle und jeden Dienstag ab
18 Uhr geöffnet. Auch Deutschkurse
werden angeboten.
Außerdem meldeten sich viele ein-
zelne Ehrenamtliche zu Wort, die in
ihrer Gemeinde für Unterstützung
sorgen – als Einzelpersonen oder lose
organisiert.
Die Hilfe für Asylsuchende und Flücht-
linge im Landkreis ist vielfältig. In einer
der kommenden DÜW-Journal-Aus-
gaben möchten wir gerne so viele
Projekte und Engagements wie möglich
vorstellen. Wenn Sie sich in diesem
Bereich engagieren, schreiben Sie bitte
an
mit einer kurzen Info zu ihrem Projekt
und Kontaktdaten. Danke!
Eine Welt: Der „Runde Tisch Asyl“ will das Hilfsangebot für Flüchtlinge verbes-
sern und ehrenamtliche Initiativen vernetzen.
Foto: Apops/Fotolia
Bad Dürkheim:
„Runder Tisch Asyl“
Kräfte bündeln und Flüchtlingen besser helfen
ben werden. So bemerkten mehrere Eh-
renamtliche, dass sie sich Hilfe aus dem
Kreis der bereits integrierten Migranten
wünschen: Insbesondere verschiedene
Sprachkenntnisse sind gefragt. Der Run-
de Tisch gab sofort Gelegenheit zur Ver-
netzung – Olivier Farge vomMigrations-
beirat sagte, der Beirat werde in seinem
Umfeld solche Kontakte suchen. Der
Migrationsbeirat helfe zudem in sehr
vielen Einzelfällen, Sorgen von Helfern
und Probleme von Asylsuchenden könn-
ten an ihn herangetragen werden. Meh-
rere Helfer betonten, wie wichtig Arbeit
für Flüchtlinge sei. Sie gebe ein Gefühl
der Wertschätzung. Doch die bürokra-
tischen Hürden seien hoch. Die Leiterin
des Jobcenters Neustadt erläuterte hier-
zu, dass die Rechtslage unterschiedlich
sei. Im laufenden Asylverfahren müss-
ten die Bewerber seit November 2014
nur noch drei Monate warten, bis sie
eine Arbeitserlaubnis erhalten können.
Doch häufig sei die Sprache ein zusätz-
liches Problem. Gemeinnützige Arbei-
ten dürften Asylbewerber generell erle-
digen.
„Vernetzung ist wichtig“, sagte der Land-
rat, „wenn alle Akteure sich kennen,
dann kann jemand aus Hettenleidelheim
auch Hilfe in Bad Dürkheim in Anspruch
nehmen.“ Solch ein Netzwerk sei das
Ziel des Runden Tischs. Die Anwesen-
den regten an, dass die Schulen unter-
einander zum Thema Asyl mehr in Kon-
takt stehen sollten. Außerdem sollten
die Gemeinden besser kooperieren, um
Möbel und Kleider auszutauschen. Der
Landkreis wird eine Kontaktliste erstel-
len, die den Teilnehmern der Runden
Tische zugeht. Die Beteiligten sollten
ihre Kontakte an den Kreis mailen (gab-
).
Außerdem könnte eine Liste von Ehren-
amtlichen entstehen: Personen, die in-
formiert werden, wenn neue Asylbe-
werber im Ort ankommen, und die sie
in den Anfangstagen begleiten. Zur Ver-
netzung plant die Kreisverwaltung etwa
einen Runden Tisch pro Quartal.
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