DÜW-Journal - page 6

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Interview:
Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld und Werkleiter Klaus Pabst über Müllgebühren und die schlimmsten Abfallsünden
„Große Bereitschaft zur Abfalltrennung“
Wie sich Müllgebühren errechnen und
wie Bürger dazu beitragen können,
diese stabil zu halten, verraten Land-
rat Hans-Ulrich Ihlenfeld, zu dessen
Geschäftsbereich der AWB gehört,
und Klaus Pabst im Interviewmit dem
Düw-Journal. Werkleiter Pabst gibt zu-
dem einen Einblick hinter die Kulis-
sen des Abfallwirtschaftsbetriebs.
Herr Pabst, wie wird man eigentlich
Werkleiter?
Pabst:
Ganz formal ist dies in der Be-
triebssatzung geregelt: Die Werkleitung
wird vom Landrat mit Zustimmung des
Kreistages bestellt. Ich war bereits seit
2001 als Referatsleiter für den Bereich
Abfallwirtschaft verantwortlich. Mit der
Errichtung des Eigenbetriebes im Jahr
2006 war natürlich auch die Stelle des
Werkleiters vakant. Ein interessantes Ar-
beitsfeld mit vielen Gestaltungsmöglich-
keiten. Diese Position war im Verhält-
nis zur bisherigen Organisationsform
mit wesentlich mehr Verantwortung und
umfangreicheren Kompetenzen verbun-
den. Also auch eine berufliche Heraus-
forderung. Unser Abfallwirtschaftsbe-
trieb hat zwei Schwerpunkte. Einen
technischen und einen rechtlich-kauf-
männischen. Beim AWB ist deshalb der
technische Leiter ein Umweltingenieur,
als Werkleiter übernehme ich den recht-
lich-kaufmännischen Part.
Herr Ihlenfeld, haben Sie als Landrat
das letzte Wort beim Thema Abfallwirt-
schaft?
Ihlenfeld:
Der AWB gehört zu meinem
Geschäftsbereich, ja. Aber ich bestim-
me nicht allein. Das laufende Geschäft
regelt der AWB, bei Marschrichtung und
Zukunftsentscheidungen rede ich mit.
Aber grundsätzlich drehen der Werk-
ausschuss, in dem Vertreter aus dem
Kreistag sitzen, und der Kreistag die
Stellschrauben. Somit sind gewählte
Bürgervertreter an allen wichtigen Fra-
gen beteiligt.
Wie gestaltet sich ein durchschnittlicher
Arbeitstag für Sie, Herr Pabst?
Pabst:
Es macht vielleicht auch den Reiz
dieser Stelle aus, dass es eben nur in
geringem Umfang tägliche Routinear-
beiten gibt. Immer wieder stehen Pro-
jektarbeiten an wie zum Beispiel das
Abfallwirtschaftskonzept, europaweite
Ausschreibungen und das Risikoma-
nagement. Hinsichtlich der kaufmänni-
schen Ausrichtung richtet sich der Job
nach einem Jahreszyklus: Jahresab-
schluss und Wirtschaftsprüfung,
Zwischenbericht, Gebührenkalkulation
und Wirtschaftsplanung, Vorbereitung
der Beschlüsse des Werkausschusses.
Wer von Ihnen beiden ist denn der Herr
über die Müllgebühren? Und wie wer-
den diese ermittelt?
Ihlenfeld:
Keiner von uns. Das letzte
Wort bei den Gebühren hat der Kreis-
tag. Wie bei allen wesentlichen Fragen.
Natürlich liefern Herr Pabst und sein
Team die Grundlagen und der Werk-
ausschuss bereitet die Entscheidung vor.
Pabst:
Ganz kaufmännisch gesagt: Die
den Gebühren zugrunde liegenden Kos-
ten sind nach den betriebswirtschaftli-
chen Grundsätzen für Kostenrechnun-
gen zu ermitteln. Sämtliche Kosten und
Aufwendungen, die beim Abfallwirt-
schaftsbetrieb anfallen, werden Kosten-
stellen und diese wiederum den ent-
sprechenden Kostenträgern zugeord-
net. Der wesentliche Aufwand ist na-
türlich die Sammlung, der Transport
und die Entsorgung der Haushaltsab-
fälle. Aber auch die Kosten für Perso-
nal, Miete oder Schreibpapier werden
den entsprechenden Kostenstellen und
Kostenträgern zugeordnet. Ich bringe
das immer auf folgende Formel: Der ge-
samte Aufwand des Abfallwirtschafts-
betriebs wird finanziert durch Erlöse
aus wirtschaftlicher Betätigung und im
Übrigen durch die Gebühren. Erlöse
aus wirtschaftlicher Betätigung realisie-
ren wir insbesondere durch die Depo-
niebewirtschaftung, die Photovoltaik-An-
lage, die Gasverstromung und die Leis-
tungen für die Dualen Systeme.
Sind die Gebühren im Vergleich zu an-
deren Landkreisen günstiger oder teu-
rer – und warum ist das so?
Ihlenfeld:
Generell ist es schwierig, die
Entsorgungsgebühren mit anderen Krei-
sen zu vergleichen. Die Landkreise
nehmen die Aufgaben der Abfallent-
sorgung als Pflichtaufgabe der Selbst-
verwaltung war. Deshalb kann jeder
für sein Gebiet entscheiden, nach wel-
chen konzeptionellen Vorgaben die
Abfallentsorgung erfolgt. Dies wird
dann in der Abfallwirtschaftssatzung
verbindlich geregelt. Dementsprechend
können auch die Leistungen und de-
ren Umfang und damit auch die ent-
stehenden Aufwendungen sehr unter-
schiedlich sein. Außerdem sind die
Preise für die Entsorgung der Abfälle
je nach Art der Anlage sehr unterschied-
lich. Die Gebührenhöhe wird auch we-
sentlich davon bestimmt, in welchem
Umfang wir Erlöse durch wirtschaftli-
che Betätigung generieren können. Ich
denke, gerade in diesem Bereich hat
der Landkreis seine Chancen genutzt,
um entsprechende Deckungsbeiträge
zu erwirtschaften. Wesentlicher Be-
standteil war hier die Bewirtschaftung
unserer Deponien.
Wie kann jeder Einzelne dazu beitra-
gen, Müllgebühren zu sparen und wo
fließen die Müllgebühren hin?
Ihlenfeld:
Die Müllgebühren finanzie-
ren ausschließlich die Abfallentsorgung
im Kreis. Sie dürfen jedenfalls nicht als
allgemeine Haushaltsmittel des Land-
kreises eingesetzt werden. Müllgebüh-
ren sparen können die Menschen an
erster Stelle, wenn sie weniger Abfall
produzieren. Aber auch wenn sie gut
trennen, insbesondere die werthaltigen
Abfälle wie Papier, Metall und Elektro-
geräte. Dadurch entstehen weniger Kos-
ten, was sich eins zu eins in den Ge-
bühren niederschlägt.
Aber auch der Gelbe Sack und die
Glastrennung halten die Gebühren nied-
rig, oder?
Pabst:
Wichtig ist mir der Hinweis, dass
mit den von uns erhobenen Müllge-
bühren nicht die Sammlung, der Trans-
port und die Entsorgung der gelben Sä-
cke und des Altglases finanziert wer-
den. Wir haben in Deutschland ein
zweigeteiltes Entsorgungssystem. Die
öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträ-
ger – in Rheinland-Pfalz sind dies die
Landkreise und kreisfreien Städte – sind
imWesentlichen für die Sammlung und
Entsorgung der Restabfälle, Bioabfälle,
Sperrmüll, Altholz, Papier und der Pro-
blemabfälle verantwortlich. Die Samm-
lung und Verwertung der Verpackungs-
abfälle, also Gelber Sack und Glas, er-
folgt durch die private Entsorgungswirt-
schaft. Die Dualen Systeme sind ver-
antwortlich für die flächendeckende
und regelmäßige Abholung gebrauch-
ter Verkaufsverpackungen. Die von den
Herstellern in Verkehr gebrachten Ver-
packungen müssen bei einem Dualen
System lizenziert werden. Dies zeigt
etwa der Grüne Punkt, das wohl be-
kannteste Lizenzierungszeichen. Die
dafür erhobenen Entgelte werden im
jeweiligen Verkaufspreis mit einkalku-
liert. Die Dualen Systeme beauftragen
die Entsorgungsunternehmen mit der
Sammlung und Verwertung der Verpa-
ckungen und finanzieren dies mit den
erhobenen Lizenzentgelten. Die Kos-
ten übernimmt also letztlich der Ver-
braucher beim Kauf der entsprechen-
den Waren. Aber sehr viele Menschen
sind über dieses Konstrukt nicht infor-
miert und erwarten von uns und ins-
besondere vom Kundenservice des
AWB Abhilfe bei Entsorgungsproble-
men. Da wir im Bereich der Verpa-
ckungsabfälle weder als Auftraggeber
noch als Auftragnehmer involviert sind,
können wir bei Entsorgungsproblemen
in diesen Fällen allenfalls als Vermitt-
ler zur Problemlösung beitragen, was
wir gerne tun.
Was sind die gröbsten Abfallsünden
der Bürger im Landkreis und welche
Folgen haben diese?
Pabst:
Die Menschen im Landkreis zei-
gen eine große Bereitschaft ihre Ab-
fälle sauber zu trennen. Dies wurde
durch eine Sortieranalyse 2012 bestä-
tigt. Wir haben etwa eine sehr hohe
Erfassungsquote an Bioabfällen bei ei-
ner relativ geringen Menge an Fehl-
würfen. Bei dieser Sortieranalyse wur-
de aber auch festgestellt, dass über un-
sere Restmüllgefäße auch Elektroklein-
geräte und Alttextilien entsorgt wer-
den. Diese Abfälle könnten günstiger
entsorgt und verwertet werden, wenn
Menschen die entsprechenden Con-
tainer nutzen.
Können Sie bitte eine kurze Bilanz der
Abfallwirtschaft ziehen?
Ihlenfeld:
Mit der Bewirtschaftung der
Deponien im Landkreis ab dem Jahr
2000 konnten alle Rückstellungen er-
wirtschaftet werden, die für die Sanie-
rungen der Deponien im Landkreis be-
nötigt werden. Die darüber hinaus er-
wirtschafteten Überschüsse wurden als
Deckungsbeiträge im Gebührenhaus-
halt eingesetzt. Dies ist ein wesentlicher
Aspekt gewesen, um die Müllgebühren
seit vielen Jahren auf diesem niedrigen
Niveau zu halten. Wir haben im Land-
kreis ein modernes und differenziertes
Abfallwirtschaftskonzept, das den An-
forderungen einer aktuellen Kreislauf-
wirtschaft voll gerecht wird. Dies kön-
nen wir zu einem sehr guten Preis-Lei-
tungsverhältnis anbieten.
Pabst:
Natürlich arbeiten wir auch wei-
ter an Verbesserungen unseres Dienst-
leistungsangebotes. Ganz aktuell ist die
Verlegung des Wertstoffhofes in Haß-
loch an die Meckenheimer Straße ge-
plant. Im Rahmen einer Deponiesanie-
rungsmaßnahme können wir eine ent-
sprechende Fläche nutzen. Dort kön-
nen wir mehr Abfallfraktionen anneh-
men, auch Gewerbetreibende werden
die Möglichkeit haben, dort ihre ge-
werblichen Abfälle abzugeben, und wir
werden die Öffnungszeiten ausweiten.
Eine offene Baustelle ist die Errichtung
eines Wertstoffhofes für das Gebiet der
Verbandsgemeinde Lambrecht. Seit Jah-
ren sind wir dort auf der Suche nach
einem geeigneten Standort. Bisher schei-
tert es daran, dass wir noch keine Flä-
che haben.
Gibt es Problemfelder, die Ihnen Bauch-
weh bereiten?
Pabst:
Wirklich Bauchweh? Nein, sol-
che Problemfelder sind nicht in Sicht.
Angesichts von Terror und Gewalt auf
dieser Welt sind unsere (Abfall-)proble-
me nicht wirklich bedeutsam. Insbe-
sondere, wenn mal witterungsbedingt
eine Leerung ausgefallen ist. Die Abfäl-
le werden dann eben zu einem späte-
ren Zeitpunkt mitgenommen. Im Ein-
zelfall ist das sicherlich ärgerlich, aber
abgeholt und entsorgt werden die Ab-
fälle in jedem Fall.
Abfallwirtschaft im Blick: Werkleiter Klaus Pabst (li.) und Landrat Hans-Ulrich
Ihlenfeld.
Foto: KV/Müller
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