DÜW-Journal - page 21

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Anspruchsvolle Rarität mit lila Blüten
Landkreis Bad Dürkheim:
Fleischfarbenes Knabenkraut als Orchidee des Jahres fast augestorben
Orchideen üben auf viele Menschen
eine gewisse Faszination aus und gel-
ten als wertvoll. Auch in modernen
Zeiten noch, in denen exotische Ex-
emplare mit wunderschönen Blüten
gezüchtet und längst nicht mehr so
teuer gehandelt werden wie früher,
als sie noch aufwändig in Übersee
eingesammelt und verschifft werden
mussten. Auf die wildwachsenden
heimischen Orchideenarten haben
Experten und organisierte Fankreise
bundesweit ein Augenmerk. Eine
Orchideenart gehört auch stets zur
„Natur des Jahres“. Jetzt haben die
Arbeitskreise Heimische Orchideen
(AHO) das Fleischfarbene Knaben-
kraut (Dactylorhiza incarnata) zur
Orchidee des Jahres gekürt.
„Sie sind eine der jüngsten Pflanzen-
familien der Erde, zugleich eine der
Größten. (...) Sie besiedeln alle Gebie-
te der Erde, mit Ausnahme der Voll-
wüsten und permanent mit Eis be-
deckten Flächen. Sie wachsen im Bo-
den, in Sümpfen, auf Felsen, auf Bäu-
men, sogar manchmal auf Kakteen.
Manche blühen unterirdisch, wie
durch Zufall in Australien beim Pflü-
gen entdeckt wurde“, berichtet Ger-
man Senger von der Orchideen-Ge-
sellschaft Kurpfalz mit Sitz in Mann-
heim. Ihn fasziniere die Vielfalt und
die perfekte Anpassung der Vertreter
dieser Pflanzenfamilie an den jewei-
ligen Lebensraum. „Sie sind sehr spe-
zialisiert, zum Beispiel auf ganz be-
stimmte Bestäuber“, weiß Senger. Ge-
nau das wird für sie mitunter zum
Problem: Fällt ein wichtiger Faktor in
ihrem jeweiligen Ökosystem weg,
kann die Orchideenart an dieser Stel-
le nur schwerlich überleben.
Weltweit besonders geschützt
Deshalb stehen Orchideen weltweit
unter dem besonderen Schutz des
Washingtoner Artenschutzüberein-
kommens. Europaweit sind sie nach
einer EG-Verordnung geschützt und
auch das Bundesnaturschutzgesetz
listet die heimischen Orchideen als
geschützte Art. „Das heißt: Pflücken
und ausgraben sind verboten“, betont
Heino Meyer, Landespfleger bei der
Kreisverwaltung Bad Dürkheim. Ent-
sprechend steht die Orchidee des Jah-
res ebenfalls unter Schutz. Das Fleisch-
farbene Knabenkraut, seltener auch
Steifblättriges Knabenkraut genannt,
findet sich bundesweit und landes-
weit auf der Roten Liste und gilt als
„stark gefährdet“. Wie alle anderen
INFO
Frühere Orchideen des Jahres
Seit 1989 wählen die Arbeitskrei-
se Heimischer Orchideen (AHO)
jährlich eine Orchidee des Jahres,
über die ein Faltblatt informiert,
das eigens dafür herausgegeben
wird. Die früheren Orchideen
des Jahres waren:
2014:
Blattloser Widerbart
2013:
Purpur-Knabenkraut
2012:
Bleiches Knabenkraut
2011:
Zweiblättrige Waldhyazinthe
2010:
Frauenschuh
2009:
Männliches Knabenkraut
2008:
Übersehenes Knabenkraut
2007:
Gewöhnliches Kohlröschen
2006:
Breitblättrige Stendelwurz
2005:
Brand-Knabenkraut
2004:
Grüne Hohlzunge
2003:
Fliegen-Ragwurz
2002:
Vogel-Nestwurz
2001:
Herbst-Drehwurz
2000:
Rotes Waldvöglein
1999:
Bocks-Riemenzunge
1998:
Sumpf-Stendelwurz
1997:
Wanzen-Knabenkraut
1996:
Frauenschuh
1995:
Bienen-Ragwurz
1994:
Sumpf-Glanzkraut
1993:
Helm-Knabenkraut
1992:
Großes Zweiblatt
1991:
Kleines Knabenkraut
1990:
Pyramiden-Hundswurz
1989:
Breitblättriges Knabenkraut
Weitere Informationen zum
Orchideenschutz, zur Orchidee
des Jahres und zu den AHO
gibt es im Internet unter:
de/orchideen-links sowie Tel.
06201/17583. Info zur „Natur
des Jahres“:
Zur Orchidee des Jahres gekürt: das Fleischfarbene Knabenkraut (Dactylorhi-
za incarnata).
Foto: Horst Roudensky
Orchideenarten ist es auf ein ganz
spezielles Ökosystem angewiesen.
Sein Lebensraum sind meist unge-
düngte, spät gemähte Feucht- und
Nasswiesen, gelegentlich Niedermoo-
re und lichte Feuchtwälder. „Im Land-
kreis Bad Dürkheim ist das Fleisch-
farbene Knabenkraut wie in vielen
anderen Regionen durch den starken
Rückgang von ungedüngten Feucht-
wiesen fast ausgestorben. Zwei letz-
te Vorkommen sind der unteren Na-
turschutzbehörde nur noch nahe der
nördlichen Kreisgrenze Hettenleidel-
heim/Eisenberg, dort möglicherwei-
se nur noch auf Eisenberger Gemar-
kung, und im Bereich der südlichen
Kreisgrenze Haßloch/Neustadt be-
kannt“, erörtert Meyer.
Unterirdisches Überwintern
Zu erkennen gibt sich die Orchidee
des Jahres aber selbst dort, wo sie
noch vorkommt, nur für kurze Zeit
im Jahr: Auffällig sind die lila Blüten-
stände während der Blütezeit von Mai
bis Mitte Juni. „Das Fleischfarbene
Knabenkraut ist ein Geophyt, er wur-
zelt im Erdreich“, erörtert Meyer. Im
Herbst sterben die oberirdischen
Pflanzenteile nach der Samenreife ab,
die Überwinterungsorgane liegen un-
terirdisch.
Während der Samenreife verbreitet
der Wind die winzigen Samen. Die-
se können nur mit Hilfe von Pilzen
keimen, von denen sie Nährstoffe be-
ziehen. Auch die fertig entwickelte
Pflanze lebt in Symbiose mit Wurzel-
pilzen. Meyer: „Deshalb und wegen
der genannten sehr spezifischen Stand-
ortansprüche ist der Versuch, Orchide-
en illegal aus der Natur in den heimi-
schen Garten zu verpflanzen, regel-
mäßig zum Scheitern verurteilt.“
Im Aberglauben galten die am Johan-
nistag ausgegrabenen Knollen wegen
ihrer Form übrigens als Glücksbrin-
ger, genannt Johannishändchen: Die
Wurzelknollen sind fingerförmig. Das
Fleischfarbene Knabenkraut trägt des-
halb in einigen Gegenden Deutsch-
lands den Namen Fleischfarbene Fin-
gerwurz, was im Grunde besser passt.
Meyer: „Die deutsche Bezeichnung
Knabenkraut umfasst zwei einander
sehr ähnliche Orchideengattung: Dac-
tylorhiza und Orchis. Der Name Kna-
benkraut leitet sich vom griechischen
Wort für Hoden ab und nimmt Bezug
auf Form und Aussehen der Wurzelk-
nollen der Gattung Orchis.“
Zur Sache:
Orchideenschutz und Orchideenschützer
Das Fleischfarbene Knabenkraut
wurde von den Arbeitskreisen Hei-
mische Orchideen (AHO) zur
Orchidee des Jahres gewählt. Die
AHO sind nach eigenen Angaben
regional in Deutschland tätige Ver-
eine, deren Mitglieder sich mit der
Erforschung und Erhaltung von in
Deutschland wild vorkommenden
Orchideen befassen.
Viele Orchideenarten kommen in
Biotopen vor, die in Mitteleuropa
erst durch historische Bewirt-
schaftungsweisen entstanden sind.
Werden diese aufgegeben, verlieren
die Flächen ihre Habitateignung für
viele an die offene Kulturlandschaft
angepasste Arten. „Erkennen, er-
fassen, erforschen, erhalten“, haben
sich die Mitglieder der Arbeitskrei-
se auf ihre Fahnen geschrieben.
Gefährdete Biotope mit Orchideen-
bestand werden nach Möglichkeit
gepachtet oder gekauft, um die
Pflanzen zu schützen. Diese wer-
den von den Orchideenschützern
auch gepflegt. Über ihre Aktivitäten
informieren die AHO in Fachvor-
trägen bei Naturschutzverbänden,
Heimatvereinen und auch Schulen.
Auch durch Fotoausstellungen auf
Messen, bei Naturschutzbehörden
und -verbänden und bei Exkursi-
onen wird auf die Schönheit und
Gefährdung der Orchideen und
ihrer Lebensräume aufmerksam
gemacht. Das gleiche Ziel verfol-
gen die Orchideenschützer mit der
jährlich gewählten „Orchidee des
Jahres“.
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