DÜW-Journal - page 10

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Die Palliativmedizin betreut schwerst-
kranke Menschen in der letzten Pha-
se ihres Lebens. Sie als „Sterbemedi-
zin“ abzutun, wird der Palliativmedi-
zin dennoch nicht gerecht: Wo sämt-
liche Therapiemöglichkeiten ausge-
schöpft sind und der Mensch am
Scheidepunkt angekommen ist, kann
die Palliativmedizin noch viel leisten.
Auch das Kreiskrankhaus Grünstadt
bietet die Möglichkeit, betroffene Pa-
tienten adäquat zu versorgen. Wieso
palliativmedizinische Maßnahmen
ein Gewinn für die Betroffenen sein
und wie sie zur Verbesserung der Le-
bensqualität beitragen können, er-
klären Dr. Eva Gierhake, Oberärztin
in der Abteilung für Innere Medizin
und Dr. Claudia Bald, leitende Ober-
ärztin im Fachbereich Anästhesie/In-
tensivmedizin/Schmerztherapie.
Frau Dr. Gierhake, Frau Dr. Bald, die
Palliativmedizin wird oft als „Sterbe-
medizin“ bezeichnet – wer sind die
Menschen, die Sie palliativmedizinisch
betreuen?
Dr. Bald:
Es ist nicht ganz richtig, die
Palliativmedizin auf den Begriff „Ster-
bemedizin“ zu reduzieren, weil sie
sich tatsächlich nicht ausschließlich
um Sterbende kümmert. Es können
durchaus auch Patienten sein, die noch
einen etwas weiteren Weg vor sich
haben. Klar ist aber in jedem Fall, dass
der Mensch unheilbar krank ist. Da
gibt es verschiedene Patientengrup-
pen: Am häufigsten sind es Tumorpa-
tienten, aber auch internistische Pati-
enten mit einer weit fortgeschrittenen
Erkrankung, etwa einer schweren
Herzinsuffizienz oder einer neurolo-
gischen Erkrankung.
Worin liegt die Hauptaufgabe der Pal-
liativmedizin?
Dr. Gierhake:
In der Symptomkontrol-
le. Die Betroffenen leiden oft unter ver-
schiedenen, unterschiedlich stark aus-
geprägten Symptomen. Die gilt es zu
überwachen und entsprechend zu be-
handeln.
Welche Symptome können das sein?
Dr. Gierhake:
Das fängt an bei Übel-
keit und Appetitlosigkeit, reicht über
Angstzustände und Luftnot bis hin zu
Schmerzen und Immobilität. Hier kön-
nen wir punktuell ansetzen und diese
reinen Symptome behandeln – ohne
an der Grunderkrankung selbst etwas
ändern zu können. Es geht ausschließ-
lich um die Linderung der Symptome
und darum, so lange es geht, eine mög-
lichst gute Lebensqualität zu erreichen.
Wie können Sie den Menschen helfen,
wie lassen sich die Symptome behan-
deln?
Dr. Bald:
Bei Schmerzen beispielswei-
se ist das Behandlungsspektrum recht
breit: Je nach Schweregrad kann mit
der oralen Einnahme von entsprechen-
den Analgetika, also Schmerzmitteln,
Linderung erreicht werden. Aber auch
invasive Methoden sind möglich, etwa
das Implantieren von Schmerzpumpen
– wie sie nach Operationen ebenfalls
zum Einsatz kommen. Als ausgebilde-
te Schmerztherapeutin weiß ich aber
auch, dass Schmerz oft nur ein relativ
kleines Problem in einer ganzen Rei-
he anderer Symptome sein kann. Ge-
nau das macht die Palliativmedizin so
komplex: Sie handelt ganzheitlich.
Dr. Gierhake:
Deshalb arbeitet in der
Palliativmedizin auch ein ganzes Team
interdisziplinär miteinander: Fachärz-
te, Pflegepersonal, Seelsorger und ver-
schiedene Therapeuten; das reicht vom
Physiotherapeuten über den Psycho-
therapeuten bis hin zu speziellen The-
rapieformen wie etwa Kunst- und Mu-
siktherapie. Es ist unsere Aufgabe, ge-
meinsam mit dem Patienten herauszu-
finden, wovon er am meisten profitiert.
Nicht für jeden eignet sich derselbe
Ansatz.
Wie geht es mit dem Patienten nach
der Betreuung durch Ihre palliativme-
dizinische Versorgung weiter?
Dr. Gierhake:
Im Gegensatz zu ande-
ren Kliniken haben wir in Grünstadt
keine eigene Palliativstation, können
aber das Wesentliche, die Symptom-
kontrolle, leisten. Wenn wir sehen, dass
ein Patient in einer Palliativstation bes-
ser aufgehoben wäre, setzen wir uns
mit den Kollegen in Bad Dürkheim in
Verbindung und können den Patien-
ten meist zeitnah dort unterbringen.
Idealerweise kann der Patient noch
einmal nach Hause zurückkehren, man-
che werden – je nach Stadium der Er-
krankung – auch in ein Hospiz verlegt.
Dr. Bald:
Grundsätzlich ist unser Ziel,
den Patienten nach Hause zu entlas-
sen. Nur stellt sich dabei die Frage, wie
sich eine adäquate Versorgung im häus-
lichen Umfeld gewährleisten lässt.
Wenn wir den Patienten bestmöglich
medikamentös eingestellt haben, muss
sich ein niedergelassener Arzt, idealer-
weise der vertraute Hausarzt, finden,
der die Weiterbetreuung übernimmt.
Allerdings ist dies eine sehr aufwendi-
ge Aufgabe und oft fehlt den nieder-
gelassenen Ärzten die Unterstützung
durch ambulante Palliativdienste. Das
nächstgelegene Zentrum der sogenann-
ten Spezialisierten ambulanten Pallia-
tivversorgung befindet sich in Worms,
sodass eine Versorgung über ein sol-
ches Zentrum hier auf dem Land in
Zusammenarbeit mit dem Hausarzt
kaum möglich ist.
Wie bewusst nehmen die betroffenen
Patienten den Schritt in Richtung Pal-
liativmedizin wahr, wie reagieren sie
auf das Angebot?
Dr. Bald:
Das ist ganz unterschiedlich:
Viele Patienten hören aus den Arztge-
sprächen nur das heraus, was sie hö-
ren möchten. Manche verdrängen auch,
dass sie unheilbar krank sind oder sind
einfach voller Hoffnung. Diese Men-
schen machen oft noch einen großen
Bogen um das Thema Palliativmedi-
zin, denn das führt dann unweigerlich
zu der Auseinandersetzung mit dem
eigenen Sterben. Andere wiederum ge-
hen offen damit um und finden die
Möglichkeiten gut, die ihnen eine pal-
liativmedizinische Versorgung erschlie-
ßen kann.
Dr. Gierhake:
Man kann davon ausge-
hen, dass viele der betroffenen Men-
schen schon einen jahrelangen Weg
durch verschiedene Therapien hinter
sich haben. Das bringt einen gewissen
Druck mit sich, weil oft auch die Fa-
milie erwartet, dass der Patient weiter-
macht. Wenn der Betroffene dann aber
an den Punkt kommt, an dem klar ist,
dass keine kurative Therapie mehr mög-
lich ist, fällt eine Last ab. Die Patienten
spüren eine Erleichterung – und blü-
hen mitunter regelrecht auf, weil die
belastenden Nebenwirkungen der The-
rapien das tägliche Leben nicht mehr
beeinträchtigen. Dem Patienten all dies
aufzeigen, ihn aufklären, das ist unse-
re Pflicht – der Patient hat immer ein
Recht auf die Wahrheit. Was er daraus
machen möchte, ist seine Entscheidung.
Wir können ihn palliativmedizinisch
auf seinem Weg begleiten.
Lebensqualität des Patienten erhalten
Kreiskrankenhaus Grünstadt:
Fragen und Antworten zur Palliativmedizin
INFO
Auskünfte erhalten Sie bei
Dr. Bald und Dr. Gierha-
ke unter Telefon 06359/
809-551 (Sekretariat An-
ästhesie) sowie unter Tele-
fon 06359/809-401 (Sekre-
tariat Innere Medizin)
Dr. Eva Gierhake
Fotos: Krankenhaus (2)
Dr. Claudia Bald
Dr. Claudia Bald
ist bereits seit mehr
als zehn Jahren in der Abteilung
Anästhesie, Intensivmedizin und
Schmerztherapie des Kreiskranken-
hauses Grünstadt tätig. Als leitende
Oberärztin der Abteilung ist sie Stell-
vertreterin von Chefarzt Dr. Andreas
Bernhardt. Die in Bad Berleburg
geborene Fachärztin für Anästhesie
und Intensivmedizin studierte an der
Universität in Heidelberg Medizin.
Ihre ersten beruflichen Stationen wa-
ren Kliniken in Ludwigshafen, Hei-
delberg und Mannheim. Neben ihrer
Qualifikation als Palliativmedizinerin
besitzt Dr. Bald Weiterbildungen in
den Bereichen Schmerztherapie und
Notfallmedizin.
Die gebürtige Neustadterin
Dr. Eva
Gierhake
ist seit Oktober 2011
Oberärztin in der Abteilung Innere
Medizin des Kreiskrankenhauses
Grünstadt. Nach ihrem Medizinstudi-
um in Mainz arbeitete Dr. Gierhake
in Kliniken in Bad Dürkheim und
Ludwigshafen. Die Fachärztin für
Innere Medizin mit dem Schwer-
punkt Gastroenterologie ist ebenfalls
ausgebildete Notfall- und Palliativme-
dizinerin.
Zur Person:
Dr. Claudia Bald und Dr. Eva Gierhake
Linderung der Symptome und Schmerzen und eine möglichst gute Lebensqua-
lität erreichen: Das sind die Ziele der Palliativmedizin.
Foto: Africa Studio/Fotolia.com
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